Risikobewertungsverfahren für Alemtuzumab und Estradiol-haltige Creme-Zubereitungen

Donnerstag, den 02. Mai 2019

Zum zweiten Mal dieses Jahres fand vom 08. - 11. April die Tagung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) in den neuen niederländischen Amtsgebäuden statt.

Während der Tagung kam es zur Einleitung mehrerer Sicherheitsüberprüfungen. So nahm der Ausschuss ein Risikobewertungsverfahren betreffend das Arzneimittel Lemtrada® (Alemtuzumab) auf. Hintergrund der Überprüfung sind neue Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen, die in Verbindung mit der Therapie stehen. Unter anderem kam es nach der Behandlung zu immunvermittelten Erkrankungen, die durch ein nicht intakt funktionierendes Abwehrsystem des Körpers verursacht wurden, sowie zu Herz-Kreislauf-Problemen, die teilweise tödlich endeten. Eingeschlossen waren hierbei u. a. Fälle von Autoimmun-Hepatitis, hämophagozytischer Lymphohistiozytose und schweren Neutropenien sowie Lungenblutungen, Herzinfarkt, Schlaganfall oder zervikozephaler Arteriendissektion.

Solange die Überprüfung noch nicht abgeschlossen ist, soll der Wirkstoff Alemtuzumab daher laut Ausschuss nur bei Erwachsenen mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose eingesetzt werden, die trotz mindestens zweier krankheitsmodifizierender Therapien hochreaktiv ist oder bei denen andere Behandlungsoptionen nicht verwendet werden können. Zusätzlich zu dieser Einschränkung hat der PRAC eine Aktualisierung der Produktinformationen für Lemtrada® empfohlen, um Patienten und medizinisches Fachpersonal über die Fälle eingangs erwähnter, schwerer unerwünschter Arzneimittelwirkungen zu informieren. Patienten, die mit Alemtuzumab behandelt werden und davon profitieren, können die Behandlung in Absprache mit ihrem Arzt fortsetzen. Falls entsprechende Nebenwirkungen beobachtet werden, sollte ein Therapieabbruch in Betracht gezogen werden. Zudem sollten Patienten bei Auftreten von Symptomen sofort medizinische Hilfe suchen.

Eine weitere Nutzen-Risiko-Überprüfung hat der PRAC bei hoch dosierten Estradiol-Cremes mit Konzentrationen von 0,01% (entsprechend 100 µg pro Gramm) zur Behandlung bei postmenopausalen Frauen mit Vaginalatrophie eingeleitet. Untersucht wird die Aufnahme von Estradiol aus diesen lokal angewandten Cremes und die damit verbundenen Nebenwirkungen. Geklärt werden soll, welche unerwünschten Effekte auftreten und inwiefern diese dem Maß systemischer Estradiol-haltiger Arzneimittel entsprechen, wie sie beispielsweise zur systemischen Hormon-Ersatztherapie (HRT) eingesetzt werden. Zu den hier bekannten Nebenwirkungen zählen u. a. venöse Thromboembolien, Schlaganfälle und Endometriumkarzinome.

Bereits im Jahre 2014 bewertete die EMA das Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen bei der Anwendung hochdosierter Estradiol-haltiger Cremes und empfahl Maßnahmen zum Schutz der Patienten, einschließlich einer Begrenzung der Anwendungsdauer auf maximal vier Wochen. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat jedoch im März 2019 die Entscheidung der EMA aus verfahrensrechtlichen Gründen teilweise für nichtig erklärt. Obwohl der EuGH die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen nicht in Frage stellte, wurden durch die partielle Aufhebung auch einige der Risikominimierungsmaßnahmen außer Kraft gesetzt. Daher hat die Europäische Kommission nun eine erneute Überprüfung auf EU-Ebene eingeleitet. Der PRAC überprüft nun alle verfügbaren Daten, um anschließend aktuelle Empfehlungen abzugeben.

Quellen:

[1] Website www.ema.europa.eu; 12. April 2019: Meeting highlights from the Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) 8 - 11. April 2019 (zugegriffen am: 16.04.2019)

[2] Veröffentlichung EMA Lemtrada® Article 20 referral; 12. April 2019: Use of multiple sclerosis medicine Lemtrada® restricted while EMA review is ongoing

[3] Veröffentlichung EMA Estradiol-containing (0,01% w/w) medicinal products for topical use Article 31 referral; 12. April 2019: New review of risks with high-strength estradiolcontaining creams