Waylivra® - Volanesorsen

Freitag, den 16. August 2019

Bereits im Februar 2014 wurde das Therapeutikum Waylivra® als Arzneimittel für seltene Leiden („Orphan- Drug") ausgewiesen. Nun hat Waylivra® die nächste Hürde genommen und ist offiziell als Arzneimittel in der Europäischen Union (EU) zugelassen, behält jedoch weiterhin diesen besonderen Status bei. Das pharmazeutische Unternehmen Akcea Therapeutics Ireland reichte hierzu bereits vor zwei Jahren die notwendigen Zulassungsunterlagen bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) ein.

Nur um die 1.000 Menschen in ganz Europa und weltweit bis zu 5.000 Menschen leiden an dem sehr seltenen familiärem Chylomikronämie-Syndrom (FCS). Dies ist auch der Grund, warum das Arzneimittel Waylivra® den Status Orphan- Arzneimittel trägt. Der Wirkstoff Volanesorsen ist angezeigt für die unterstützende Behandlung neben einer Diät bei erwachsenen Patienten mit genetisch bestätigten FCS und einem hohen Risiko für Pankreatitis, bei denen das Ansprechen auf eine Diät und eine triglyceridsenkende Therapie unzureichend war.

FCS ist eine sehr seltene, autosomal-rezessiv vererbte Erkrankung. Durch eine Funktionsstörung der Lipoprotein-Lipase (LPL), welche eine wichtige Rolle für den hydrolytischen Abbau von triglyceridreichen Lipoproteinen, insbesondere der Chylomikronen spielt, kommt es bei den betroffenen Patienten zu extrem erhöhten Serum-Triglyceridwerten von bis zu 30.000 mg/dl (als Vergleich: Werte von 150 mg/dl gelten als normal). FCS geht auch mit einem erhöhten Risiko für Pankreatitis und Organschäden einher, einschließlich chronischer Pankreatitis und pankreatischem Diabetes. Betroffene können täglich unter solch starken Bauchschmerzen, Abgeschlagenheit wie auch Konzentrationsproblemen leiden, dass ein normaler Arbeitsalltag nicht mehr zu bewältigen ist. Depressionen und Angstzustände können möglicherweise folgen. Deshalb scheint es umso wichtiger, dass für diese kleine Patientengruppe nun das erste Arzneimittel für ihr sehr seltenes Leiden zur Verfügung steht. Bisher galt eine äußerst restriktive Diät oder die Injektionen des LPL-Gens in einen Muskel als einzige Therapie.

Bei dem Wirkstoff Volanesorsen handelt es sich um ein Antisense-Oligonukleotid, dass die Bildung von Apolipoprotein C-III (ApoC-III) hemmt. Dieses Protein spielt eine zentrale Rolle im Triglyceridstoffwechsel wie auch bei der hepatischen Clearance von Chylomikronen. Volanesorsen bindet selektiv an die mRNA von Apolipoprotein C-III und führt so zu deren Abbau. Durch Blockade der mRNA-Position wird die Translation des Proteins ApoC-III, einem Inhibitor der Triglycerid-Clearance, verhindert. Schlussendlich wird so der Abbau von Triglyceriden über einen LPL-unabhängigen Reaktionsweg ermöglicht.

Waylivra® wird zu Beginn der Therapie mit 285 mg Volanesorsen, erhältlich in einer Injektionslösung in einer Fertigspritze, einmal wöchentlich angewendet. Nach entsprechender Einweisung kann dies auch durch den Patienten selbst oder eine Betreuungsperson erfolgen. Nach drei Monaten - vorausgesetzt die Triglyceridkonzentration wurde ausreichend vermindert, wird das Arzneimittel mit gleichbleibender Dosis von 285 mg Volanesorsen nur noch alle zwei Wochen angewendet. Je nach therapeutischem Ansprechen, Verträglichkeit und Zustand des Patienten ist eine erneute Anpassung nach sechs und neun Monaten vorzunehmen. Die Injektion hat stets am selben Wochentag stattzufinden.

Da es unter der Therapie mit Waylivra® zu der sehr häufigen Nebenwirkung einer Thrombozytopenie kommen kann, darf die Behandlung nur begonnen werden, wenn die Thrombozytenzahl über 140 x 109 /l liegt. Eine chronische oder ursächlich unklare Thrombozytopenie gilt als Kontraindikation. Die Thrombozytenzahl muss auch während der fortlaufenden Therapie mindestens alle zwei Wochen kontrolliert werden und die Überwachung wie auch die Behandlung entsprechend dem Ergebnis angepasst bzw. abgebrochen werden.

Da sich das neue Präparat in einer Studie an 67 Patienten mit FCS bei der Senkung der Triylceridwerte als wirksam erwies (durchschnittliche Senkung von 77% unter Volanesorsen vs. 18% unter Placebo), ist der Nutzen für Patienten, die ein hohes Risiko für Pankreatitis aufweisen und bei denen andere Medikamente und eine fettarme Diät nicht ausreichend gewirkt haben, laut Einschätzung der EMA größer als das Risiko einer Thrombozytopenie.

Waylivra® ist nicht nur ein Orphan- Arzneimittel, sondern unterliegt weiter einer zusätzlichen Überwachung (Additional-Monitoring) und einer Zulassung unter besonderen Bedingungen. Das pharmazeutische Unternehmen muss daher auf der Grundlage eines Patientenregisters Ergebnisse einer Studie vorlegen, um zu untersuchen, wie Bluttests und Anpassungen der Injektionshäufigkeit in der Praxis durchgeführt werden und wie gut diese Maßnahmen unerwünschten Ereignissen wie Thrombozytopenie und Blutungen vorbeugen können.

Quellen:
[1] Produktinformation (EMA) Waylivra®; Akcea Therapeutics Ireland Ltd.; August 2019
[2] Veröffentlichung (Medicine overview) EMA; 20. Mai 2019: Medicine Overview: Waylivra® (Volanesorsen)
Übersicht über Waylivra® und Begründung für die Zulassung in der EU  
[3] Veröffentlichung (EPAR - Public Assessment report) EMA; 28.Februar 2019: Waylivra®
[4] Veröffentlichung der Website Medizinische Genetik: Chylomikronämie- Syndrom (zugegriffen am 12. August 2019)
[5] Veröffentlichung der Website Ärzteblatt: Chylomikronämie-Syndrom: Antisense-Medi­kament senkt Triglyzeride (zugegriffen am 12. August 2019)
[6] Pressemitteilung Akcea Therapeutics; 7. Mai 2019: Akcea and Ionis Announce Approval of WAYLIVRA® (volanesorsen) in the European Union
[7] Gaudet et. al N Engl J Med 2014, 371:2200-2206