AkdÄ informiert über akzidentelle Überdosierung von Colchicin mit Todesfolge

Freitag, den 20. Januar 2017

In der Rubrik „Aus der UAW-Datenbank“ berichtet die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) über den Fall eines an Gicht leidenden 73-jährigen Patienten, der vermutlich unbeabsichtigt eine zu große Menge an Colchicin-Lösung einnahm und kurze Zeit darauf an den Folgen einer Colchicin-Überdosierung verstarb.

Colchicin wird in Deutschland zur Behandlung akuter Gichtanfälle angewendet und ist sowohl als Tablette (z.B. Colchicum-Dispert®) als auch Lösung (z.B. Colchysat® Bürger) erhältlich. Der Fachinformation der flüssigen Darreichungsform sind bereits diverse Warnhinweise zur Gefahr einer Überdosierung zu entnehmen. Nichtsdestotrotz kommt es immer wieder, auch bei gewöhnlichen Dosierungen, zu Intoxikationen bis hin zum Tod.

Colchicin ist ein Spindelgift und ein Metaphaseninhibitor, der gezielt v.a. schnell proliferierende Zellen angreift und somit Ausbildung und Umbau des sog. Zytoskeletts hemmt. Seine Wirkung bei einem Gichtanfall beruht vermutlich auf der Blockade der Beweglichkeit und dadurch der Einwanderung von Leukozyten in den Gichtherd. Nach rascher gastrointestinaler Resorption verteilt sich Colchicin über alle Organe, ein Teil unterliegt dem hepatoenteralem Kreislauf, ein weiterer Teil wird in der Leber desacetyliert und in z.T. noch wirksame Metabolite umgewandelt. Mit dem Urin werden innerhalb von zwei Tagen ca. 40% einer Dosis unverändert ausgeschieden. Da Colchicin stark kumuliert, kann es bei Niereninsuffizienten Patienten zu einer erhöhten Toxizität kommen. Unter anderem deshalb ist es bei z.B. eingeschränkter Nierenfunktion, Lebererkrankten und polymorbiden Patienten kontraindiziert.

Im Fall des 73-jährigen Patienten wurden ca. 50 ml der Colchicin-Lösung, was in etwa 25 mg Colchicin entspricht, eingenommen. Die übliche initiale Dosierung bei einem akuten Gichtanfall beträgt 1 mg Colchicin, bis zum Abklingen der Schmerzen wird die Dosis schrittweise reduziert. Die maximale Tagesdosis liegt bei 8 mg Colchicin, die empfohlene Gesamtdosis an Colchicin von 12 mg pro Gichtanfall darf nicht überschritten werden. Ebenfalls darf die Behandlung innerhalb der folgenden drei Tage eines akuten Gichtanfalls nicht wiederholt werden.

Der Patient litt zusätzlich an insulinpflichtigem Diabetes mellitus Typ 2, arterieller Hypertonie, Hyperlipidämie, koronarer Herzkrankheit sowie an paroxysmalem Vorhofflimmern. Für die aufgeführten Krankheiten erhielt er eine individuell zusammengestellte Polymedikation als auch bei Bedarf z.B. Zopiclon und Dorzolamid- und Timolol-haltige Augentropfen. Nicht-steroidale Antirheumatika und Glucocorticoide wurden dem Patienten u.a. aufgrund von Unverträglichkeiten nicht empfohlen, obwohl sie normalerweise bei akuten Gichtanfällen als Mittel der Wahl angesehen werden.

Die unbeabsichtigte Einnahme der zu großen Menge Colchicin erfolgte nachts aufgrund von Schmerzen im Vorderfuß. Nach 12 Stunden benachrichtigte der Patient u.a. wegen Unterleibsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall den Rettungsdienst, die Notaufnahme diagnostizierte eine hypertensive Entgleisung. Da bislang kein spezifisches Antidot gegen Colchicin bekannt ist, wurde der 73-Jährige symptomatisch behandelt. Dies umfasste u.a. die Intubation aufgrund respiratorischer Erschöpfung und die Behandlung mit Katecholaminen und Antibiotika wegen der instabilen hämodynamischen Situation und erhöhter Entzündungsparameter. Trotz der umfangreichen Therapie entwickelte der Patient ein therapierefraktäres Multiorganversagen und verstarb ca. 50 Stunden nach der Colchicin-Einnahme an den Folgen der Überdosierung.

Der phasenhafte Verlauf, angefangen mit gastrointestinalen Beschwerden, über Multiorganversagen bis hin zu einer möglichen Erholungsphase ist typisch für eine Colchicin-Vergiftung. Die Therapie einer Überdosierung sieht im akuten Fall das Herbeiführen von Erbrechen durch z.B. hypertone Kochsalzlösung oder Apomorphin vor, gefolgt von einer Magenspülung und der anschließenden Einnahme von medizinischer Kohle. In Hinblick auf die schnelle gastrointestinale Resorption von Colchicin sind diese Maßnahmen jedoch nur sinnvoll, wenn die Intoxikation zeitnah bemerkt wird. Wird diese überlebt, ist eine Nachbeobachtung der durch die Giftwirkung gefährdeten Organfunktionen (wie Leber, Niere und Knochenmark) erforderlich.

Letztendlich zeigt der Fallbericht, dass es immer wieder zu akzidentellen Überdosierungen mit Colchicin, trotz diverser Warnhinweise, kommen kann. Auch wenn die Multimorbidität des Patienten ebenfalls zu der Ausprägung der Intoxikation beitrug, muss nichtsdestotrotz weiterhin über eine Begrenzung der Abgabemenge, eine bessere Aufklärung der Patienten als auch die Beachtung der Maximaldosen und Wechselwirkungen von Colchicin diskutiert werden müssen.


Quellen:
[1] AkdÄ Drug Safety Mail 2017-02; 20. Januar 2017; Aus der UAW-Datenbank: Akzidentelle Überdosierung von Colchicin mit Todesfolge
[2] Fachinformation Colchysat®; Ysatfabrik; November 2013