Alemtuzumab: neue Empfehlungen zur Risikominimierung veröffentlicht

Donnerstag, den 31. Oktober 2019

Bereits im April diesen Jahres geriet das Immunsuppressivum Lemtrada® aufgrund von bis dato unbekannten Sicherheitsbedenken in den Fokus der Europäische Arzneimittelagentur (EMA). Nun sind diesbezüglich neue Maßnahmen zur Risikominimierung bekannt gegeben worden.

Seit September 2013 ist das Immunsuppressivum Lemtrada® europaweit zur Behandlung bei Erwachsenen mit schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) im aktiven Stadium zugelassen. Mit knapp 1500 Verordnungen im Jahr 2018 ist der monoklonale Antikörper Alemtuzumab zwar kein Spitzenreiter unter den selektiven Immunsuppressiva, gerade aber für Patienten mit Therapieversagen unter andern sog. DMARDs (disease-modifying drugs) oder einer sich schnell verschlechternden MS stellt er eine äußerst wichtige Behandlungsoption dar. 
Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen, die in Verbindung mit einer Alemtuzumab-Therapie beobachtet wurden, erforderten jedoch Anfang des Jahres die Einleitung eines Sicherheitsbewertungsverfahrens. Unter anderem kam es nach der Behandlung zu immunvermittelten Erkrankungen, die durch ein nicht intakt funktionierendes Abwehrsystem des Körpers verursacht wurden, sowie zu Herz-Kreislauf-Problemen, die teilweise tödlich endeten. Eingeschlossen waren hierbei u. a. Fälle von Autoimmun-Hepatitis, hämophagozytischer Lymphohistiozytose und schweren Neutropenien als auch Lungenblutungen, Herzinfarkt, Schlaganfall oder zervikozephale Arteriendissektion. Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA gab in diesem Zuge im April vorübergehende Sicherheitsmaßnahmen zum Einsatz von Lemtrada® heraus, die nun nach abgeschlossener Bewertung, durch neue Empfehlungen ersetzt werden.

Laut PRAC gilt es die Anwendung von Lemtrada® künftig einzuschränken, um das Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen zu senken. In Zukunft soll eine Verordnung nur noch für erwachsene Patienten möglich sein, die trotz angemessener Behandlung an einer hochreaktiven RRMS leiden. Sowie für Patienten mit rasch fortschreitender RRMS, welche über das Vorliegen von zwei oder mehr Schüben mit Behinderungsprogression in einem Jahr oder mehreren Gadolinium-anreichernden Läsionen in der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT), oder einer signifikanten Erhöhung der T2-Läsionen im Vergleich zu einer kürzlich durchgeführten MRT, definiert ist. Weiterhin sollen Patienten mit bestimmten Herz-, Kreislauf- oder Blutungsstörungen sowie Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen von einer Therapie mit Alemtuzumab gänzlich ausgeschlossen werden.
Zusätzliche Maßnahmen wurde ebenfalls empfohlen, um Nebenwirkungen, die nach der Behandlung auftreten können zu identifizieren und umgehend behandeln zu können. Die Anwendung von Lemtrada® soll daher in einem Krankenhaus mit entsprechenden Spezialisten erfolgen, um so bei Auftreten potentiell schwerwiegender unerwünschter Arzneimittelwirkungen, eine intensivmedizinische Intervention gewährleisten zu können. Leitfäden, die sich an Ärzte, Fachpersonal und Patienten richten sollen ebenfalls mit den neuen Empfehlungen aktualisiert werden.

Diese Reihe an Maßnahmen soll helfen, dass Risiko erwähnter schwerer Herz-, Kreislauf- und Blutungsstörungen, die kurz nach der Infusion auftreten können, sowie das Risiko für Autoimmunerkrankungen, die viele Monate nach der letzten Lemtrada®-Behandlung auftreten können, zu minimieren.

Die Empfehlungen des PRAC werden nun an den Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) zur abschließenden Stellungnahme durch die EMA weitergeleitet.

Quellen:
[1] Veröffentlichung EMA (PRAC recommendations -Lemtrada® Article 20 procedure); 31. Oktober 2019: Lemtrada® for multiple sclerosis: measures to minimise risk of serious side effects
[2] Veröffentlichung PEI (Sicherheitsinformationen -2019); 01. November 2019: Lemtrada® (Alemtuzumab) – PRAC empfiehlt Maßnahmen zur Minimierung schwerwiegender Nebenwirkungen
[3] Fachinformation Lemtrada®; Sanofi-Genzyme; April 2019
[4] Veröffentlichung Website Arzneimittel.wido.de/PharmMaAnalyst; Berichtsjahr 2018 [zugegriffen am 05.11.2019]