Cyanid-Intoxikation bei oraler Amygdalin-Behandlung

Freitag, den 12. Dezember 2014

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) informiert in seiner Rubrik „Aus der UAW-Datenbank“ über das Risiko für Cyanid-Intoxikationen im Zusammenhang mit einer oralen Amygdalin-Therapie.

Amygdalin, das z.B. in Kernen von Aprikosen, Pfirsichen oder bitteren Mandeln vorkommt und das strukturell ähnliche halbsynthetische Laevo-Mandelsäurenitril-β-Glucuronisid (Laetril) können Cyanid (Blausäure) freisetzen. Diverse Produkte, die Amygdalin oder Laetril enthalten, werden im Internet als alternativmedizinische Prophylaxe und Therapie gegen Krebserkrankungen beworben, obwohl wissenschaftliche Einrichtungen und Behörden die Substanzen als unwirksam und toxisch bzw. bedenklich einschätzen.

Die AkdÄ berichtet über den Fall eines vierjährigen Jungen, der aufgrund eines rezidivierenden anaplastischen Ependymoms in der palliativen Situation alternativmedizinisch unter anderem mit Amygdalin behandelt wurde. Er erhielt dieses zunächst intravenös sowie zusätzlich ca. zehn bittere Aprikosenkerne täglich und zahlreiche Präparate mit Vitaminen, Spurenelementen und Mikrogrünalgen. Am fünften Tag der Behandlung kam es 15 Minuten nach der erstmaligen oralen Aufnahme eines Präparates mit 500 mg Amygdalin (entsprechend ca. 1,6 mg Cyanid pro kg Körpergewicht), zu Anzeichen einer Cyanidvergiftung, die zu einer stationären Einlieferung führten. Der Zustand des Jungen besserte sich nach Gabe des Antidots Natriumthiosulfat und er konnte nach zweitägiger stationärer Behandlung entlassen werden.

In der Alternativmedizin wird den cyanogenen Glykosiden Amygdalin und Laetril, die teilweise auch irreführend als „Vitamin B17“ bezeichnet werden, eine Wirksamkeit gegen Tumore zugeschrieben. Diese Annahme beruht auf der Theorie, dass es durch die veränderte enzymatische Situation in Tumorzellen zu einer vermehrten Freisetzung und einem verminderten Abbau von Cyanid kommt und dadurch zu einer zytotoxischen Wirkung. Andere unbelegte Behauptungen stützen sich auf einen postulierten „Vitamin B17-Mangel“ bei Tumorerkrankungen, den es auszugleichen gilt.

Für die Freisetzung des Cyanids aus cyanogenen Glykosiden bedarf es spezifischer Enzyme, die in der mikrobiellen Darmflora und auch in den Kernen von bitteren Mandeln, Aprikosen etc. vorkommen. Deshalb führt eine orale Aufnahme zu einer Erhöhung der Cyanid-Blutspiegel, im Gegensatz zu einer intravenösen Gabe. Cyanid kann zu lebensbedrohlichen Vergiftungen führen, durch eine Blockade der mitochondrialen Atmungskette und einer Hemmung der Bildung von intrazellulärem Adenosintriphosphat (ATP). Etwa 0,5- 3,5 mg Cyanid pro kg Körpergewicht sind für den Menschen tödlich, ein Aprikosenkern enthält zum Vergleich etwa 0,5 mg. Die Symptome einer Intoxikation können sich je nach Schweregrad in Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Tachy- oder Dyspnoe, Hyper- oder Hypotension, Arrhythmien, Krämpfen, Herzkreislaufversagen zeigen, bis hin zu tödlichem Ausgang. Eine metabolische Azidose und erhöhte Laktatwerte sind häufig nachweisbar.

Die AkdÄ weist darauf hin, dass die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Amygdalin und Laetril gegen Tumorerkrankungen als widerlegt gelten muss und dem gegenüber die erhebliche Toxizität steht. Von der Anwendung von Amygdalin-haltigen Produkten jeglicher Form wird daher abgeraten.

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