Fallbericht – Leukenzephalopathie und Hirnödem unter Etanercept

Freitag, den 02. Oktober 2015

In der Rubrik „Aus der UAW-Datenbank“ berichtet die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) über das Auftreten von Leukenzephalopathie und Hirnödem unter Behandlung mit Etanercept.

Etanercept wird, u. a. zur Behandlung der mittelschweren bis schweren rheumatoiden Arthritis bei Erwachsenen eingesetzt, in Kombination mit Methotrexat (MTX) oder bei Unverträglichkeit von MTX auch als Monotherapie. Als TNF-Inhibitor hemmt Etanercept die proinflammatorische Wirkung des Tumornekrose-Faktors, wodurch Entzündungsprozesse gemildert werden. 

Nun wurde der AkdÄ ein Fall von Leukenzephalopathie und Hirnödem unter Etanercept-Therapie gemeldet. Bei einer 34-jährigen Patientin, die an einer seropositiven rheumatoide Arthritis litt, wurde nach zwei gescheiterten Therapieversuchen mit Methotrexat und Leflunomid, die Behandlung mit Etanercept (50 mg pro Woche s. c.) begonnen. Ein Jahr später wurde die Medikation um Hydroxychloroquin (200 mg pro Tag) erweitert. Daneben wurden Prednisolon, Pantoprazol sowie bei Bedarf NSAR eingenommen. Weitere bestehende Erkrankungen waren u. a. allergisches Asthma, Lichen ruber verrucosus und eine Illeitis terminalis. Eineinhalb Jahre nach Behandlungsbeginn mit Etanercept traten bei der Patientin Sekunden anhaltende Episoden von horizontalen Doppelbildern und zunehmend drückende, holozephale Kopfschmerzen, verbunden mit Photophobie, kurzzeitigem Schwankschwindel, Übelkeit und einmaligem Erbrechen auf.

Nach differenzialdiagnostischer Untersuchung und Ausschluss einer infektiösen Genese wurde ein Hirnödem und eine wahrscheinlich toxisch bedingte Leukenzephalopathie, d. h. eine direkt vermittelte Schädigung des Myelins festgestellt. Nach Absetzen der Medikation besserten sich die klinischen Symptome. Allerdings blieb auch nach 4 Monaten ein Restbefund bestehen. Darüber hinaus konnten mit der reduzierten Medikation die Rheumaschübe nicht ausreichend kontrolliert werden.

Laut Produktinformationen können bei der Behandlung mit Etanercept demyelinisierende ZNS-Erkrankungen mit einer Häufigkeit ≥ 1/10.000 bis < 1/1000, insbesondere bei Frauen, auftreten. Auch in der Datenbank des Spontanmeldesystems wird von demyelinisierenden ZNS-Prozessen bei der Therapie mit allen TNF-Inhibitoren berichtet. Zur Abgrenzung einer direkten, toxischen Myelin-Schädigung durch Etanercept, sollte ein posteriores, reversibles Leukenzephalopathie-Syndrom (PRES) und demyelinisierende ZNS-Erkrankungen wie eine akute, disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) und eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), die durch reaktivierte JC-Viren ausgelöst werden kann, differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden.

Patienten, die mit Etanercept behandelt werden, sollten über die Nebenwirkung von ZNS-Reaktionen verschiedener Formen mit zumeist reversibler Schädigung und über mögliche Symptome aufgeklärt werden. Bei neu aufgetretenen, neurologischen Symptomen sollte umgehend eine umfassende Differenzialdiagnostik und dementsprechende Behandlung erfolgen. Zur Verbesserung der Datenlage zu Sicherheit und Wirksamkeit biologischer Arzneimittel, sollten Behandlungsverläufe mit TNF-Inhibitoren in einem Register dokumentiert werden.

Quelle:

[1] AkdÄ Drug Safety Mail; Deutsches Ärzteblatt, Jg 112, Heft 40; 02. Oktober 2015: Aus der UAW-Datenbank: Leukenzephalopathie und Hirnödem unter Etanercept