Hinweise auf möglichen Rebound-Effekt nach Absetzen von Gilenya® (Fingolimod)

Donnerstag, den 27. Juli 2017

Mittels einer Drug Safety Mail möchte die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) über Hinweise bezüglich eines möglichen Rebound-Effekts nach Absetzen des Multiple-Sklerose (MS)-Mittels Gilenya® (Fingolimod) informieren, wobei sie sich auf ein laufendes Untersuchungsverfahren der Britischen Arzneimittelbehörde (MHRA) bezieht. 

Das Präparat Gilenya® (Fingolimod) ist seit 2011 zur Therapie der hochaktiven schubförmig-remittierend verlaufenden MS auf dem europäischen Markt erhältlich. Die Erkrankung, die das Zentralnervensystem betrifft und während deren Verlauf es zur Nervenschädigung kommt, findet ihren Ursprung in einem defekten Immunsystem. Der Wirkstoff Fingolimod setzt hier an. Fingolimod wird im Körper in seinen aktiven Metaboliten Fingolimod-Phosphat umgewandelt, welcher den sog. Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor an der Oberfläche von T-Zell-Lymphozyten antagonisiert. Der Rezeptor reguliert die Bewegung dieser Immunzellen im Körper. Durch die Bindung des Wirkstoffes reduziert sich die Fähigkeit der weißen Blutkörperchen aus den Lymphknoten in Gehirn und Rückenmark zu migrieren. Dadurch werden die Schädigungen, die sie bei MS verursachen, vermindert. 

Hintergrund des Untersuchungsverfahrens durch die MHRA war die vorangegangene Veröffentlichung zweier aktueller Studien.

Im Rahmen einer retrospektiven Analyse von Krankenakten, welche im Fachjournal "Jama Neurology" publiziert wurde, zeigte sich, dass in einem Zeitraum von zwei Jahren bei 46 MS-Patienten nach Therapieabbruch und teilweiser Umstellung auf andere verlaufsmodifizierende Arzneimittel neue Erkrankungsschübe auftraten. Innerhalb von vier bis 16 Wochen nach Beendigung der Behandlung mit Fingolimod erlitten dabei fünf Patientinnen unerwartet schwere MS-Schübe mit neuen T2-Läsionen oder kontrastmittelanreichernder Läsionen im kranialen MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie). Diese Schübe wurden bisher als Rebound-Phänomen eingestuft.

In einer an die Analyse angegliederten Literaturrecherche fanden die Autoren Berichte über elf weitere, ähnliche Fälle von Patienten mit einem vermutlichen Rebound nach Therapieabbruch von Fingolimod. 

Ferner wurde in einer im Fachjournal "Neurology" publizierten Beobachtungsstudie über neun Patienten berichtet, die im Anschluss an eine Fingolimod-Therapie Alemtuzumab erhalten hatten und bei denen es daraufhin ebenfalls zu unerwartet schweren Schüben bzw. zu neuen T2-Läsionen oder kontrastmittelanreichernde Läsionen kam.

Laut AkdÄ wird derzeit anhand der verfügbaren Evidenz das Risikopotenzial dieses MS-Mittels durch verschiedene nationale Arzneimittelbehörden und die Europäische Arzneimittelagentur neu bewertet. Ärzte und Apotheker werden dazu aufgefordert, Nebenwirkungen und mögliche Rebound-Effekte, die im Zusammenhang mit dem Absetzen von Fingolimod auftreten, der AkdÄ zu melden. 

Quellen:

[1] AkdÄ Drug Safety Mail 2017-27; 27. Juli 2017: Information zu Fingolimod: Britische Arzneimittelbehörde (MHRA) untersucht Hinweise auf Rebound-Effekt nach Absetzen

[2] Veröffentlichung (Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit) EMA; 17. März 2011: Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit - Gilenya® (Fingolimod)

[3] Fachinformation Gilenya®; Novartis Pharma; Mai 2017 

[4] Hatcher SE et al. Rebound Syndrome in Patients With Multiple Sclerosis After Cessation of Fingolimod Treatment Jama Neurol 2016, 73:790-794

[5] Willis M et al. An observational study of alemtuzumab following fingolimod for multiple sclerosis. Neurology(R) neuroimmunology & neuroinflammation 2017; 4: e320.