Neuste Empfehlungen des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC)

Donnerstag, den 24. Mai 2018

Mitte Mai tagte erneut der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA). Thematisiert wurden Hydroxyethylstärke(HES)-haltige Arzneimittel sowie die Medikamente Esmya®, Zinbryta® und der Wirkstoff Dolutegravir (Trivicay®, Triumeq®).

Bereits vor 5 Jahren wurde auf Grund des Risikos von Nierenschädigung und erhöhter Mortalität die Anwendung HES-haltiger Arzneimittel zur Infusion eingeschränkt. Da es dennoch weiterhin zum Einsatz des Medikaments bei kritisch Kranken und Sepsis-Patienten kam, stufte der PRAC diese Maßnahme Anfang des Jahres als unzureichend effektiv ein und sprach eine Empfehlung für das Ruhen der Zulassung aus. Diese Empfehlung wurde von der Koordinierungsgruppe für Verfahren der gegenseitigen Anerkennung (MRP) und Dezentralen Verfahren (DCP), kurz CMDh, bekräftigt und an die Europäische Kommission weitergeleitet. Im April wiederholte der PRAC nach Rückfragen der Kommission die zuvor ausgesprochene Empfehlung. 

Bezüglich Esmya® (Ulipristalacetat), das Patientinnen zur Behandlung von Uterusmyomen einnehmen, kam der PRAC zu einem endgültigen Entschluss. Das Medikament hatte zuletzt durch das Erscheinen eines Rote-Hand-Briefes aufgrund schwerer Leberschädigungen als Nebenwirkung auf sich aufmerksam gemacht. Nach Abschluss der Bewertung der PRAC wird darauf hingewiesen, Frauen mit Leberschädigungen nicht mit Esmya® zu therapieren und bei Beginn einer Behandlung sicher zu stellen, die Leberwerte in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren. Zusätzlich soll für Patientinnen eine Informationsbroschüre dem Medikament beiliegen, die auf die Wichtigkeit solcher Untersuchungen hinweist und über Symptome einer Lebererkrankung informiert. Studien sollen überdies den Effekt von Esmya® auf die Leber sowie den Erfolg der festgelegten Maßnahmen zur Risikominimierung aufzeigen. Vor dem endgültigen Beschluss durch die Europäische Kommission wird die Empfehlung des PRAC für eine abschließende Stellungnahme an den Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA weitergeleitet. Ärzte werden daraufhin schriftlich über die neuen Anwendungsbeschränkungen instruiert.

Seit März 2018 ist Zinbryta® (Daclizumab) nicht mehr auf dem europäischen Arzneimittelmarkt zugelassen. Das Medikament zur Behandlung einer schubförmigen Multiplen Sklerose (RMS) bei erwachsenen Patienten war durch ein schlechtes Nutzen-Risiko-Verhältnis ins Visier geraten. Der PRAC bestätigt in seiner Abschlussbewertung, dass Zinbryta® ein Risiko für schwerwiegende und potentiell tödliche Immunreaktionen betreffend Gehirn, Leber und andere Organe birgt. Hiervon könnten alle Patienten von Therapiebeginn an bis hin zu einigen Monaten nach Beendigung der Behandlung betroffen sein. 

Zuletzt informiert der PRAC über den seit 2014 zur Therapie des Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) zugelassenen Integraseinhibitor Dolutegravir (Trivicay®, Triumeq®), welcher laut vorläufigen Auswertungen einer Studie zu Geburtsfehlern führen könnte. Dolutegravir hemmt das Enzym Integrase, das für die Erstellung neuer Virus-Kopien im Körper benötigt wird. So kann in Kombination mit anderen Medikamenten die HIV-Vermehrung verhindert und die Viruslast im Blut auf einem niedrigen Level gehalten werden. In vier Fällen trat eine Spina Bifida, eine Fehlbildung des Rückenmarks, bei Kindern auf, deren Mütter während der Einnahme von Dolutegravir schwanger wurden. Die Studie schloss Säuglinge von 11.558 HIV-infizierten Frauen in Botswana ein. Bei 0,9% der Säuglinge, deren Mütter während der Einnahme von Dolutegravir schwanger wurden, kam es zu einem Neuralrohrdefekt. Im Vergleich trat der Geburtsfehler nur bei 0,1% der Kinder auf, deren Mütter zum Zeitpunkt der Empfängnis mit einer anderen HIV-Medikation therapiert wurden. Es ist kein Fall von Geburtsfehlern bekannt, bei dem die werdenden Mütter erst im Laufe der Schwangerschaft mit der Einnahme von Dolutegravir begonnen haben. Endgültige Auswertungen werden in rund einem Jahr erwartet. Während der laufenden Neubewertung des Arzneistoffs wurde von der EMA vorsorglich eine Anwendungsempfehlung herausgegeben. Dolutegravir sollte demnach keinen Frauen verschrieben werden, die eine Schwangerschaft planen und Patientinnen im gebärfähigem Alter sollten angewiesen werden, auf eine sichere Kontrazeption zu achten. Zudem ist der behandelnde Arzt unmittelbar über eine bestehende Schwangerschaft zu informieren. Falls notwendig, werden diese Empfehlungen nach Abschluss der Bewertung durch die EMA aktualisiert.

       

Quellen:

[1] Veröffentlichung EMA 18. Mai 2018: Meeting highlights from the Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) 14-17 May 2018  

[2] Veröffentlichung EMA 26. Januar 2018: Hydroxyethyl-starch solutions for infusion to be suspended - CMDh endorses PRAC recommendation