Polyneuropathie unter Anwendung von Dronedaron

Freitag, den 19. Juni 2015

In ihrer Rubrik „Aus der UAW-Datenbank“ informiert die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) über einen Fall von Entwicklung einer ausgeprägten gemischten Neuropathie der unteren Extremitäten unter der Therapie mit Dronedaron (Multaq®).

Bei einem 70 jährigen Patient, der über 2,5 Jahre Dronedaron zur Behandlung von Vorhofflimmern einnahm, kam es etwa ein Jahr nach Beginn der Therapie zu Missempfindungen unterhalb des Knies. Diese wurden als kribbelnd und teilweise als heiß empfunden, begleitet von einem verminderten Oberflächenberührungsempfinden. Eine neurologische Untersuchung ergab ein vollständig aufgehobenes Vibrationsempfinden, beidseitig fehlende Achillessehnenreflexe sowie eine beginnende trophische Störung im betroffenen Bereich. Die Neuropathie mit Reduktion der motorischen Leitgeschwindigkeiten und einer Reduzierung der Amplituden der motorischen Summenpotenziale, sowie fehlenden sensiblen Suralis-Potenzialen, wurde durch eine neurophysiologische Untersuchung bestätigt. Mögliche andere Ursachen für eine Neuropathie wie Diabetes mellitus oder Alkoholismus lagen nicht vor. Ein Zusammenhang mit einem vorangegangenen Prostatakarzinom und einer antiandrogenen Therapie mit Leuprorelinacetat seit sechs Monaten wurde als unwahrscheinlich beurteilt. Andere Medikamente wurden nicht eingenommen. Nach Absetzen von Dronedaron und einer antiarrhythmischen Weiterbehandlung mit Verapamil bildeten sich die polyneuropathischen Beschwerden innerhalb eines halben Jahres langsam zurück und es kam zu einer deutlichen Verbesserung der neurophysiologischen Parameter, bis hin zu einer kompletten Beschwerdefreiheit zum Zeitpunkt einer abschließenden Verlaufsuntersuchung.

Dronedaron, das dem Antiarrhythmikum Amiodaron in seiner Struktur ähnelt, jedoch kein Jod enthält, wird zum Erhalt des Sinusrhythmus nach erfolgreicher Kardioversion eingesetzt, bei klinisch stabilen erwachsenen Patienten mit paroxsysmalem oder persistierendem Vorhofflimmern. Dronedaron wirkt durch Blockade mehrerer Ionenkanäle, wodurch es zu einer Hemmung des Kalium-, Natrium- und Calciumstroms kommt, sowie durch nichtkompetitive antiadrenerge Aktivität. Das Aktionspotential und die Refraktärzeit des Herzens werden verlängert. Der Wirkstoff ist gegenüber Amiodaron zwar deutlich weniger antiarrhythmisch wirksam, zeichnet sich jedoch durch eine geringere Halbwertszeit (25-30 Stunden) im Vergleich zu Amiodaron (20-100 Tage) aus. Zudem  wurde zunächst ein geringeres Auftreten von Nebenwirkungen aufgrund des fehlenden Jodanteils im Molekül und geringerer Lipophilie erwartet. Inzwischen führte jedoch das Auftreten verschiedener unerwünschter Wirkungen wie kardiovaskuläre Ereignisse, Leber- und Lungenschädigungen unter Dronedaron zu einer Einschränkung der Indikation durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA).

Die AkdÄ geht davon aus, dass aufgrund der Besserung der Polyneuropathie nach dem Absetzen von Dronedaron im vorliegenden Fall ein kausaler Zusammenhang wahrscheinlich ist. Auch dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der WHO liegen wenige Verdachtsberichte zu dem Auftreten von neurotoxischen Nebenwirkungen wie Polyneuropathien vor. Diese Fallberichte deuten darauf hin, dass in seltenen Fällen die Entwicklung einer Polyneuropathie unter Dronedaron möglich ist. Die AdkÄ empfiehlt deshalb bei Patienten, die unter der Behandlung Symptome wie z.B. Sensibilitätsstörungen, muskuläre Schwäche, trophische Störungen oder reduzierte Sehnenreflexe entwickeln, diese als Nebenwirkungen von Dronedaron in Betracht zu ziehen und eine weitere Diagnostik einzuleiten.

Quelle: 

[1] AkdÄ Bekanntgaben und Mitteilungen; 19. Juni 2015; Aus der UAW-Datenbank: Entwicklung einer gemischten Polyneuropathie unter Dronedaron (Multaq®)