Rote-Hand-Brief: Risiko für Aortenaneurysmen und -dissektionen durch Fluorchinolon-Antibiotika

Freitag, den 26. Oktober 2018

Wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen gerät die Gruppe der Fluorchinolon-Antibiotika bereits seit geraumer Zeit immer wieder ins Visier der überwachenden Behörden. Beispielsweise forderte die amerikanische Zulassungsbehörde (FDA) Mitte des Jahres wegen möglicher Auswirkungen der Medikamente auf den Blutzuckerspiegel und die psychische Gesundheit der behandelten Patienten eine Anpassung der Produktinformationen - wir berichteten. Zeitgleich befasste sich der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) mit Nebenwirkungen, die vorwiegend Muskeln, Sehnen und das Nervensystem betreffen. In einem aktuellen Rote-Hand-Brief ergeht nun eine Warnung der Zulassungsinhaber vor einem weiteren möglichen Arzneimittelrisiko.

In Abstimmung mit der EMA und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) werden Ärzte und Apotheker über kürzlich veröffentliche Studienergebnisse informiert, welche auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Aortenaneurysmen und -dissektionen nach einer systemischen und inhalativen Therapie mit Fluorchinolonen hinweisen.

Angewendet werden die auf dem deutschen Arzneimittelmarkt erhältlichen Vertreter Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin, Ofloxacin zur Behandlung von vor allem durch gram-negative Bakterien hervorgerufene Infektionen. Wegen ihrer inhibierenden Wirkung auf die bakteriellen Enzyme Topoisomerase II (Gyrase) und Topoisomerase IV werden die bakteriziden Arzneistoffe auch als Gyrase-Hemmer bezeichnet. Beide Enzyme werden von den Bakterien für die Replikation, Transkription, Rekombination und Reparatur der eigenen DNA (Desoxyribonukleinsäure) benötigt und sind somit essentiell für deren Überleben.

Hintergrund für die aktuellen Sicherheitsbedenken ist das laut Ergebnissen epidemiologischer Studien etwa zweifach erhöhte Risiko für Aortenaneurysmen und -dissektionen nach der Behandlung mit Fluorchinolonen im Vergleich zu Patienten, die keine Antibiotika oder andere Antibiotika (Amoxicillin) einnehmen. Das Risiko betraf insbesondere ältere Patienten.

Außerdem ist die Inzidenz für dieses schwerwiegende vaskuläre Ereignis erhöht bei Patienten mit einer Aneurysma-Erkrankung in der Eigen- oder Familienanamnese, Marfan-Syndrom, vaskulärem Ehlers-Danlos-Syndrom, Takayasu-Arteriitis, Riesenzellen-Arteriitis, Morbus Behҫet, Hypertonie und Atherosklerose. Diese Patienten sollten nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung und Berücksichtigung anderer Therapiemöglichkeiten systemisch oder inhalativ mit Fluorchinolonen behandelt werden.

Angehörige von Gesundheitsberufen werden aufgefordert, jeden Verdachtsfall im Zusammenhang mit den betreffenden Arzneimitteln zu melden. Überdies sind Patienten über das Risiko möglicher Aortenaneurysmen und -dissektionen zu informieren und anzuweisen, bei plötzlich auftretenden schweren Bauch-, Brustkorb- oder Rückenschmerzen unverzüglich in der Notaufnahme ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Quellen:

[2] Fachinformation Ciprofloxacin Heumann®; Heumann Pharma; September 2017 

[3] FDA Safety Alert for Human Medical Products; 10. Juli 2018; Fluoroquinolone Antibiotics: FDA Requires Labeling Changes Due to Low Blood Sugar Levels and Mental Health Side Effects

[4] Veröffentlichung des BfArM; 12. April 2018; Fluorchinolone: Schwere und langanhaltende Nebenwirkungen im Bereich Muskeln, Gelenke und Nervensystem