Rote-Hand-Brief: Weiteres Risiko bei systemischer und inhalativer Fluorchinolon-Therapie

Dienstag, den 03. November 2020

Erneut rücken (Fluor-)Chinolon-Antibiotika in den Fokus der Behörden. Ein aktueller Rote-Hand-Brief warnt vor dem Risiko einer Herzklappenregurgitation/-insuffizienz in Zusammenhang mit der Anwendung systemischer bzw. inhalativer Fluorchinolone.

Fälle von Aortenaneurysmen oder Erkrankungen, die das Nervensystem oder den Bewegungsapparat betreffen, sind bereits mit der Arzneistoffgruppe der Fluorchinolon-Antibiotika (Gyrase-Hemmer) assoziiert. Indiziert sind diese hierzulande für die Behandlung bestimmter bakterieller Infektionen, einschließlich lebensbedrohlicher Ereignisse, wobei ihre Anwendung in den letzten Jahren aufgrund schwerwiegender und langanhaltender Nebenwirkungen auf Infektionen beschränkt wurde, bei denen Antibiotika der ersten Wahl für ungeeignet erachtet werden.

Kürzlich veröffentlichte Studienergebnisse veranlassten die Zulassungsinhaber von Fluorchinolon-Antibiotika nun dazu, in Abstimmung mit der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), über ein weiteres mögliches Risiko bei der systemischen und inhalativen Anwendung von Fluorchinolonen zu informieren.
In einer epidemiologischen Studie wurde bei Patienten, die systemische Fluorchinolone einnahmen, ein etwa doppelt so hohes Risiko für Mitral- und Aortenklappenregurgitation/‐insuffizienz beobachtet, im Vergleich zu Probanden, die mit Amoxicillin oder Azithromycin antibiotisch behandelt wurden. Ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden Faktoren wird demnach vermutet. Zudem beschreibt eine Laborstudie wie ein Fluorchinolon-assoziierter Abbau von Bindegewebe mit einer Herzklappenregurgitation/-insuffizienz, wie sie auch für die Fluorchinolon-bedingten Schäden der Sehnen und der Aorta postuliert wurde, in Zusammenhang stehen kann. Hier konnte ein Kollagenabbau in Myofibroblastzellen der Aorta nach Anwendung von Ciprofloxacin nachgewiesen werden.

Aufgrund dieser Sicherheitsbedenken sollten Patienten mit einem Risiko für eine Herzklappenregurgitation/‐insuffizienz nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung und unter Berücksichtigung anderer Therapieoptionen mit Fluorchinolon-Antibiotika zur systemischen oder inhalativen Anwendung behandelt werden. Zu den prädisponierenden Faktoren zählen angeborene oder vorbestehende Herzklappenfehler, Bindegewebserkrankungen (z. B. Marfan-Syndrom oder Ehlers-Danlos-Syndrom), Turner-Syndrom, Morbus Behçet, Hypertonie, rheumatoider Arthritis oder infektiöser Endokarditis. Patienten soll bei akuter Atemnot, neu auftretendem Herzklopfen oder der Entwicklung von Ödemen an Bauch oder Beinen geraten werden, umgehend einen Arzt aufzusuchen. Angehörige von Gesundheitsberufen sind aufgefordert jeden Verdachtsfall einer Nebenwirkung an den Zulassungsinhaber bzw. das BfArM zu melden, um eine kontinuierliche Überwachung des Nutzen-Risiko‐Verhältnisses des Antibiotikums zu ermöglichen.

Quellen:
[1] Rote-Hand-Brief 29. Oktober 2020; Systemisch und inhalativ angewendete Fluorchinolone: Risiko einer Herzklappenregurgitation/-insuffizienz
[2] Fachinformation Ciprofloxacin STADA®; STADAPHARM; Oktober 2019.
[3] Etminan M et al. J Am Coll Cardiol. September 2019;74(11):1444-1450; Oral Fluoroquinolones and Risk of Mitral and Aortic Regurgitation
[4] Guzzardi DG et al. J Thorac Cardiovasc Surg. Januar 2019; 157(1):109-119; Induction of human aortic myofibroblast‐mediated extracellular matrix dysregulation: A potential mechanism of fluoroquinolone‐associated aortopathy