Neuer Warnhinweis vor erhöhtem Suizidrisiko durch hormonelle Kontrazeptiva

Dienstag, den 27. November 2018

PRAC Empfehlung

Eine neue Empfehlung ergeht aktuell vom Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) infolge eines Signalbewertungsverfahrens, einem Meldesystem zur Früherkennung potentieller Risiken bereits zugelassener Arzneimittel, an Zulassungsinhaber hormoneller Kontrazeptiva. Nach Hinweisen auf erhöhtes Suizidrisiko aus einer kürzlich veröffentlichten dänischen Studie, sollen nun die Produktinformationen entsprechender Präparate um einen neuen Warnhinweis ergänzt werden. 

Seit Markteinführung in den 60er Jahren haben sich hormonelle Kontrazeptiva, allen voran die sogenannte "(Antibaby-)Pille", weltweit als eines der am häufigsten eingesetzten Verhütungsmittel etabliert. 

Die Präparate enthalten meist einen Estrogenanteil kombiniert mit einem Gestagen, Ausnahmen bilden dabei sogenannte Minipillen, welche nur Gestagen als wirksame Komponente beinhalten. Wobei die Konzentrationen über den Einnahmezyklus von 21 bis 28 Tagen gleichbleibend oder in mehreren Phasen unterschiedlich hoch sein können. Die hohe Wirksamkeit der Kontrazeptiva entsteht zum einen durch eine Modulation des Endometriums sowie des Zervixschleims, wodurch die Spermienbeweglichkeit abnimmt, aber auch eine Einnistung befruchteter Eizellen verhindert wird. Zum anderen Wirkt die kontinuierliche Gestagengabe hemmend auf die Gonadotropinsekretion im Hypophysenvorderlappen, wodurch konzentrationsabhängig eine Ovulation verhindert wird.

Als häufigste Nebenwirkungen wurden unter anderem Gewichtszunahme und Einschränkungen der Libido, sowie Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen berichtet. Doch insbesondere wegen möglicher thromboembolischer Ereignisse steht die Antibabypille seit vielen Jahren in der Kritik. Auch vor einem leicht erhöhten Risiko bestimmter Krebsarten wird gewarnt.

Depressionen bzw. Verschlechterung bestehender Depressionen unter Anwendung hormoneller Kontrazeptiva sind ebenfalls bereits bekannt und als mögliche Nebenwirkung in den Produktinformationen aufgeführt. Anlass für eine explizite Warnung vor Suizidalität in Zusammenhang mit hormonellen Verhütungsmitteln gaben nun die kürzlich im American Journal of Psychiatry veröffentlichen Ergebnisse einer dänischen Studie.

Demnach kam es im Rahmen der prospektiven Kohortenstudie unter den etwa 500.000 Frauen mit durchschnittlichem Alter von 21 Jahren über einen mittleren Zeitraum von 8,3 Jahren zu 6.999 versuchten und 71 erfolgten Selbsttötungen. Dabei war die Wahrscheinlichkeit für einen Suizidversuch zwei Monate nach Einnahmebeginn am höchsten. 

Verglichen mit Frauen, die niemals hormonell verhüteten, sei das relative Risiko eines Suizidversuchs 1,97-fach und für einen Suizid 3,08-fach erhöht. Die Wahrscheinlichkeit eine Selbsttötung zu versuchen war bei Einnahme eines kombinierten oralen Kontrazeptivums 1,91-fach höher und bei reinen Gestagenpillen sogar 2,29-fach erhöht. Doch nicht nur die oral einzunehmenden Hormonpräparate sind von diesem neu erkannten Risiko betroffen. Bei Anwendung intravaginaler Ringsysteme (2,58-fach erhöhtes Suizidrisiko) oder von Verhütungspflastern (3,28-fach erhöhtes Risiko) ist die Gefahr sogar noch höher.

Nach Bekanntwerden der Studienergebnisse wurde der Zusammenhang zwischen der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva und Suiziden vom PRAC im Rahmen des Signalverfahrens untersucht. Dabei konnte zwar kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen suizidalen Ereignissen und einer hormonbasierten Schwangerschaftsverhütung festgestellt werden, allerdings wurde aufgrund der bereits bekannten Nebenwirkung Depression, welche Selbsttötungsgedanken zur Folge haben kann, die Empfehlung an Zulassungsinhaber ausgesprochen "Suizidversuche" und "Suizid" in die Produktinformationen aufzunehmen. Außerdem sollen Anwenderinnen aufgefordert werden medizinische Beratung in Anspruch zu nehmen, falls bei ihnen Stimmungsschwankungen und depressive Symptome auftreten.

[1] Fachinformation Asumate 30/21+7 Filmtabletten; Exceltis; Mai 2017

[2] Fachinformation Qlaira Flimtabletten; Jenapharm; Oktober 2018

[3] Fachinformation Leona; Hexal; Januar 2018

[4] Veröffentlichung des BfArM vom 15. November 2018: Risikoinformationen; Suizidalität als mögliche Folge einer Depression unter der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva

[5] Skovlund CW et al.: Association of hormonal contraception with suicide attempts and suicides; Am J Psychiatry. April 2018; 175(4):336-342  

[6] Christin-Maitre S: History of oral contraceptive drugs and their use worldwide; Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. Februar 2013; 27(1):3-12

[7] Rivera R et al.: The mechanism of action of hormonal contraceptives and intrauterine contraceptive devices; Am J Obstet Gynecol. November 1999; 181(5 Pt 1):1263-1269