Rote-Hand-Brief: Risiko falscher Ergebnisse von Laboruntersuchungen durch Biotininterferenzen

Dienstag, den 21. Mai 2019

In Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) informieren Hersteller biotinhaltiger Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder diätetischer Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke mittels Rote-Hand-Brief über mögliche Interferenzen von Biotin mit klinischen Laboruntersuchungen. Damit verbunden besteht das Risiko falscher Laborwerte.

Biotin, auch als Vitamin B7 oder Vitamin H bekannt, wird zur Behandlung von Biotinmangelzuständen eingesetzt und um angeborenen Defekten im Biotinstoffwechsel vorzubeugen. Auf dem deutschen Markt sind neben Arzneimitteln zahlreiche biotinhaltige diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke sowie Nahrungsergänzungsmittel zur Förderung des Stoffwechsels und des Erhalts der Haut, Haare und Nägel verfügbar.

Zur Bestimmung einer Vielzahl von Biomarkern, wie z. B. Hormonen, Herz‐, Tumor‐ oder Infektionsmarkern, sowie zur Konzentrationsbestimmung von Arzneistoffen, werden regelmäßig Laboruntersuchungen (klinische Immunassays) angewendet, deren Testprinzip auf einer Streptavidin‐Biotin‐Wechselwirkung beruht. Einige Hersteller setzen dieses Testprinzip auch in der patientennahen Labordiagnostik, dem sogenannten „Point‐of‐Care‐Testing“ (z. B. Troponin), und bei Screeningtests (z. B. HIV) ein. 

Im Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) wurde kürzlich ein Signalverfahren abgeschlossen, welches das Risiko falscher Laborberichte infolge einer kürzlichen oder gleichzeitigen Biotineinnahme untersucht hat. Es wurde festgestellt, dass es bei Patienten, die biotinhaltige Produkte einnehmen, durch Kompetition mit biotinylierten Reagenzien zu klinisch signifikant falschen Ergebnissen kommen kann. 

Abhängig vom jeweiligen Testprinzip, können Laborwerte durch Biotin-Einnahme falsch erhöht/positiv (kompetitives Testprinzip) oder falsch erniedrigt/negativ (Sandwichprinzip) ausfallen. Verzögerte oder falsche Diagnosestellungen sowie unnötige oder ausbleibende Behandlungen können die Folge sein. Es wurden Fälle beschrieben, in denen beispielsweise biotinbedingte falsch negative Troponinwerte unter Hochdosis‐Biotin‐Therapie zu einer verpassten Diagnose eines Herzinfarkts oder ein Muster falsch erhöhter oder falsch niedriger Schilddrüsenwerte zur Vortäuschung einer Basedow‐Krankheit führte. Fälle klinisch signifikanter Biotininterferenzen wurden bei verschiedenen Biotindosierungen beobachtet. Allerdings konnte das Risiko bei Dosierungen unter 150 µg pro Tag bei peroraler Anwendung und 60 µg pro Tag bei parenteraler Gabe aufgrund unzureichender Datenlage vom PRAC nicht abschließend bewertet werden.  

Um mögliche Störungen von Laboruntersuchungen durch Biotin rechtzeitig zu erkennen und vorzubeugen, sollen Ärzte routinemäßig vor der Beauftragung von Laboruntersuchungen Patienten über eine mögliche Einnahme von Biotin befragen. Zur Gewährleistung akkurater Laborwerte, sollte bei Patienten, die Biotinpräparate einnehmen oder vor kürzerer Zeit eingenommen haben, Rücksprache mit dem Labor gehalten werden. Vor der Durchführung einer patientennahen Diagnostik, soll geprüft werden, ob biotinylierte Reagenzien im angedachten Test eingesetzt werden. Außerdem soll die Möglichkeit einer Biotininterferenz in Betracht gezogen werden, falls eine Diskrepanz zwischen den Laborwerten und den klinischen Symptomen oder anderen Untersuchungen beobachtet wird. Auch Apotheker sollen bei der Abgabe biotinhaltiger Produkte Patienten über das Risiko verfälschter Laborwerte informieren, wobei die vielfältigen Anwendungsbereiche von Biotin als Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel zu berücksichtigen sind. Zudem werden im Rote-Hand-Brief Handlungsempfehlungen für Labormitarbeitende ausgesprochen. Neben Schulungen des medizinischen Personals über laboreigene Testsysteme, die einer Biotininterferenz unterliegen könnten, werden Routinebefragungen der Patienten über eine mögliche Einnahme von Biotin empfohlen. Gegebenenfalls sollen Methoden, die nicht für Störungen durch Biotin anfällig sind, bevorzugt werden oder die Untersuchung nach Absetzen des biotinhaltigen Präparats wiederholt werden.

Wichtig zu beachten ist, dass das Auftreten der Interferenzen vom angewendeten Testprinzip und nicht von dem zu bestimmenden Biomarker abhängig ist. Daher sollten bei einem Verdacht auf mögliche Biotininterferenzen nicht‐biotinylierte Assays angewendet werden. Da die Probevorbereitung in der Regel keinen Schritt zur Eliminierung der Störsubstanz Biotin vor der Durchführung von Streptavidin‐Biotin‐Immunassays enthält und routinemäßig keine Bestimmung der Biotinkonzentration in der Probe erfolgt, ist die Kommunikation zwischen Apotheker, Patient, Arzt und Labormitarbeiter ausschlaggebend für die Gewährleistung akkurater Testergebnisse. 

Besondere Aufmerksamkeit sollte Patienten mit Niereninsuffizienz, Neugeborenen, Kindern und schwangeren Frauen gelten, vor allem bei einer Hochdosis‐Biotin‐Therapie. Da Biotin überwiegend über den Urin ausgeschieden wird, ist bei Patienten mit Niereninsuffizienz von höheren Biotinkonzentrationen im Blut, längeren Halbwertszeiten und demnach einem erhöhten Risiko für klinisch signifikante Interferenzen auszugehen. Für Arzneimittel zum Einnehmen, die 150 Mikrogramm Biotin oder mehr pro Dosiseinheit enthalten, und Arzneimittel zur parenteralen Anwendung, die mindestens 60 Mikrogramm Biotin pro Dosiseinheit enthalten, werden auf Empfehlung des PRAC, Fach- und Gebrauchsinformationen überarbeitet.

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