Arzneimitteltherapie wird stetig komplexer und riskanter.

Bei einer Emnid-Umfrage zum Thema Arzneimitteltherapiesicherheit bewerteten zwei von drei Arztkollegen Medikamenten-Interaktionen als Problem Nummer eins. Aus guten Gründen, denn täglich gibt es neue medizinische und pharmazeutische Erkenntnisse. Diese permanent anwachsenden Gesundheitsdaten sind kaum zu bewältigen.  

Die Verordnung von Arzneimitteln wird zunehmend zur Herausforderung. Als Arzt ist man immer mehr an wirtschaftliche und bürokratische Anforderungen gebunden, muss aber allen voran die Sicherheit der gesamten Medikation seines Patienten im Blick behalten. 

Zwar sind Interaktionen in den Fachinformationen jedes Arzneimittels aufgeführt, doch in der Kürze der Zeit, die dem Arzt für seine Patienten zur Verfügung steht, ist es im Praxisalltag schwierig, diese Informationen ohne weitere elektronische Hilfe gezielt abrufen und überblicken zu können. (Lebensmittel-) Interaktionen und Allergierisiken, um nur einige AMTS-Aspekte zu nennen, können sich von leicht bis schwerwiegend, sogar bis hin zu lebensbedrohlich für einen Patienten entwickeln und müssen unmittelbar in der Verordnungs- und Beratungssituation beachtet werden. 

Sicherheit in der Verordnungssituation
Alle Beteiligten am Medikationsprozess sind daran interessiert, dass keine Versorgungslücken entstehen und der Patient gut informiert und organisiert ist, um seine Compliance zu verbessern.  

Gerade bei älteren, multimorbiden Patienten gestaltet sich der Medikationsprozess als schwierig: Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen greifen in die Medikation ein und modifizieren diese in Bezug auf den von ihrem Ressort diagnostizierten Zustand. Darüber hinaus konsultiert der Patient regelmäßig eine oder mehrere Apotheken und versorgt sich zusätzlich mit rezeptfreien Arzneimitteln.  

Es ist dabei nicht garantiert, dass Patienten hierbei noch den Überblick behalten, insbesondere wenn durch die Versorgungsverträge der Krankenkassen ihre vertrauten Dauermedikationen ggf. häufig gewechselt werden. 

Diesen Bedarf soll die Neuerung des Sozialgesetzbuches V, das sog. „E-Health-Gesetz“ decken. Darin ist verankert, dass „Versicherte, die gleichzeitig mindestens drei verordnete Arzneimittel anwenden, […] ab dem 1. Oktober 2016 Anspruch auf die Erstellung und Aushändigung eines Medikationsplanes in Papierform [haben]“.

Allen multimorbiden Patienten soll dieser Plan, der interdisziplinär geführt und ergänzt wird, helfen  den Überblick über die Medikation, Interaktionen, Nebenwirkungen, Allergien o.ä. zu behalten. Er beinhaltet auch solche Arzneimittel, die durch andere Fachgruppen verordnet wurden und die selbst in der Apotheke gekauften Medikamente. 

Sensibilisierung der Patienten für ihre Selbstverantwortung 
Die stärkere Einbeziehung der Patienten in die Verantwortung bei medizinischen Entscheidungen ist auch für die Arzneimitteltherapiesicherheit von großer Bedeutung. Verantwortung kann aber nur auf der Basis von Wissen übernommen werden.

In diesem Rahmen muss die Kommunikation zwischen Arzt und Patient dazu beitragen, die Risiken der Arzneimitteltherapien zu minimieren. Ein besonderes Augenmerk ist dabei auch auf die zunehmende Selbstmedikation zu legen. 

Je mehr sich die Arzneimitteltherapie ärztlichem Handeln entzieht, desto mehr muss die Patientin oder der Patient über die von ihm angewendeten Arzneimittel wissen und anders herum. Der Arzt muss über mögliche Selbstmedikationen erfahren, um etwaige Risiken ausschließen zu können.

Internationale Aktionen und Kampagnen fördern und fordern die Patientenbeteiligung am Gesundheitsprozess. Den Patienten stehen heute neben dem Gespräch mit den Fachkreisen und der Packungsbeilage zahlreiche andere Informationsquellen (z.B. Internet, ärztliche Selbstverwaltung, gesetzliche oder private Krankenversicherung, Patientenselbsthilfegruppen, pharmazeutische Industrie) zur Verfügung, um sich über Nutzen und Risiken einer Arzneimitteltherapie zu informieren. 

Der Patientenanspruch auf den papiergebunden Medikationsplan durch das E-Health-Gesetz schafft ab Oktober 2016 eine wichtige Grundvoraussetzung für ein besseres Medikationsmanagement. Elementar wichtig ist aber, dass der Medikationsplan nicht nur erstellt, sondern regelmäßig mit Hilfe aktueller Daten auf Risiken geprüft, zwischen den beteiligten Heilberuflern abgestimmt und mit dem Patienten besprochen wird.

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