Mit Itvisma® steht eine neue intrathekale Einmal-Gentherapie für ein breiteres SMA-Patientenspektrum zur Verfügung.
Novartis hat Ende Juni 2026 die Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) für sein Produkt Itvisma® (Onasemnogen Abeparvovec) erhalten. Hierbei handelt es sich um ein Gentherapeutikum zur Behandlung der 5q‑assoziierten spinalen Muskelatrophie (SMA) bei Patienten ab 2 Jahren mit biallelischer Mutation im Survival-Motoneuron-1(SMN1)‑Gen. Die spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine seltene, genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankung, die durch ein mutiertes oder fehlendes SMN1‑Gen verursacht wird. Über das SMN1‑Gen wird der Großteil des SMN‑Proteins gebildet, das Voraussetzung für eine normale Muskelfunktion – etwa zum Atmen, Schlucken und für grundlegende Bewegungen – ist. Fehlt dieses Gen oder ist es verändert, gehen motorische Nervenzellen unwiederbringlich zugrunde, was zu einer fortschreitenden, stark einschränkenden Muskelschwäche führt. Weltweit wird die Häufigkeit von SMA auf etwa 1 bis 2 Fälle pro 100.000 Menschen geschätzt, mit einer Inzidenz von ungefähr 1 betroffenen Neugeborenen pro 10.000 Lebendgeburten.
Onasemnogen Abeparvovec addressiert die monogenetische Grundursache der SMA, indem es über einen nicht replizierenden rekombinanten AAV-Vektor eine funktionsfähige Kopie des SMN1-Gens in Motoneuronen einbringt und so eine anhaltende Expression des SMN-Proteins ermöglicht. Da eine funktionierende SMN-Proteinexpression für das Überleben und die normale Funktion der unteren Motoneuronen, d. h. der Nervenzellen des Rückenmarks, die zur Steuerung der Muskelbewegungen benötigt werden, unerlässlich ist, kann durch die Verabreichung der Genkopie die Bewegungsfunktion der Patienten verbessert werden.
Die klinische Wirksamkeit von Itvisma® beruht auf einer Phase‑III‑Studie (STEER), einer 52‑wöchigen, randomisierten, doppelblinden, Sham‑kontrollierten Multizenterstudie bei 126 nicht vorbehandelten SMA‑Patienten im Alter von 2 bis < 18 Jahren, die zwar selbstständig sitzen, aber nie ohne Hilfe gehen konnten. Hier wurde gezeigt, dass Itvisma® die Bewegungsfunktion im Vergleich zu einer Placeboinjektion wirksam verbessert. Der wichtigste Wirksamkeitsindikator war die Veränderung der motorischen Fähigkeiten, die ein Jahr nach der Behandlung mithilfe der sogenannten HFMSE-Skala beurteilt (Hammersmith Functional Motor Scale – Expanded) wurden. Der HFMSE-Score veränderte sich um 2,4 Punkte bei den Patienten, die Itvisma® erhielten, gegenüber 0,5 Punkten bei den Patienten mit Placeboinjektion. Dies spricht dafür, dass sich die Bewegungsfunktion – zum Beispiel das Wechseln der Körperhaltung oder Armbewegungen – bei den Verum-behandelten Patienten nach einem Jahr verbessert hat.
Itvisma® wird als Injektionslösung mit einer fixen Dosis von 1,2 × 1014 Vektorgenomen in einem Volumen von 3 ml intrathekal mittels Lumbalpunktion appliziert. Die Behandlung erfolgt in spezialisierten klinischen Zentren und muss durch Ärztinnen oder Ärzte mit Erfahrung in der SMA‑Therapie und in der Durchführung von Lumbalpunktionen überwacht werden. Bildgebende Verfahren und eine Sedierung sind abhängig vom klinischen Zustand des Patienten in Erwägung zu ziehen. Zur Abschwächung des erhöhten Risikos einer schwerwiegenden systemischen Immunantwort mit möglicher immunvermittelter Lebertoxizität und hämatologischer Veränderungen ist ein standardisiertes immunmodulatorisches Therapieregime mit systemischen Corticosteroiden vorgesehen. Die Gabe beginnt 24 Stunden vor der Itvisma®‑Injektion, wird über 30 Tage (einschließlich Behandlungstag) fortgeführt und danach abhängig von Leberwerten und klinischem Befund über mindestens weitere 28 Tage schrittweise ausgeschlichen.
Die häufigsten Nebenwirkungen unter Itvisma® sind Infektionen der oberen Atemwege (einschließlich Rhinitis und Schmerzen im Oropharynx), Fieber, Erbrechen, Kopfschmerzen und Leberenzymerhöhungen, wobei Kopfschmerzen und Schwindel teilweise im Zusammenhang mit der Lumbalpunktion gesehen werden.
Novartis erhielt mit Itvisma® nun die Zulassung für das zweite Orphan‑Arzneimittel mit dem Wirkstoff Onasemnogen Abeparvovec gegen SMA. Bereits mit Zolgensma ® hatte Novartis ein Arzneimittel mit demselben Wirkstoff im Portfolio. Während Zolgensma® als intravenös applizierte, gewichtsadaptierte Einmaldosis verabreicht wird (Dosierungsangaben in der Fachinformation derzeit nur bis 21 kg Körpergewicht), steht mit Itvisma® nun eine intrathekal applizierte Therapie in fixer Dosierung zur Verfügung. Damit adressiert Novartis mit der neuen Zulassung den bisher ungedeckten Bedarf einer spezifischen Gentherapie für SMA-Patienten eines breiteren Altersspektrums. Außerdem lässt sich der Bedarf an langfristigen Dauertherapien reduzieren, indem der ursächliche Gendefekt der SMA gezielt behandelt wird.
Quellen:
[1] Fachinformation Itvisma ®; Novartis; Juni 2026
[2] Fachinformation Zolgensma®; Novartis; März 2025
[3] Veröffentlichung (Medicine Overview) EMA; 28. Juli 2026: Itvisma®
[4] Pressemitteilung Novartis; 02. Juli 2026: Novartis receives European Commission approval for Itvisma® for spinal muscular atrophy (SMA)