Ihr 73-jähriger Patient mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) erhält seit Kurzem aufgrund einer festgestellten Herzinsuffizienz einen Beta-Blocker. Bei der Nachuntersuchung zeigt sich der Patient aufgrund des Beipackzettels, der eine Einnahme bei COPD ausschließt, verunsichert. Was gilt es hier zu beachten?
Herr Hoffmann, ihr 73-jähriger Patient, mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) mittelgradiger Symptomatik, wendet seit vielen Jahren zweimal täglich ein Kombinationspräparat aus Aclidinium und Formoterol an. Während eines kürzlich zurückliegenden Krankenhausaufenthalts wurde bei ihm zudem eine chronische Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (HFrEF, EF ≤ 40 %) diagnostiziert, was u. a. zur Verordnung des Beta-Blockers Metoprolol 23,75 mg retardiert (1-0-0) führte. Nach etwa zwei Wochen kommt der Patient zur Nachuntersuchung in Ihre Praxis und zeigt Ihnen die Gebrauchsinformation des Metoprolol-Präparates: Darin wird angegeben, dass Patienten mit einer chronisch bronchienverengenden Lungenerkrankung das Arzneimittel nicht einnehmen dürfen. Der Patient erzählt Ihnen, dass er verunsichert war und das Arzneimittel vorsorglich nicht mehr eingenommen hat, um seinen Zustand nicht zu verschlechtern.
Wie ist die Situation einzuschätzen - liegt hier eine Kontraindikation vor?
Mit einer Prävalenz von 28 bis 70 % treten Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) bei COPD-Patienten häufig auf.3,4 Die kardiovaskulären Begleiterkrankungen reichen von Herzinsuffizienz über ischämische Herzkrankheiten, Arrhythmien, periphere Gefäßerkrankungen bis hin zu Bluthochdruck. Gemäß einem Review konnte ein besonders deutlicher Zusammenhang zwischen COPD und dem Risiko einer Herzinsuffizienz hergestellt werden – das relative Risiko lag hier zwischen 1,8 und 3,9.3,10
Eine Therapie mit Beta-Blockern ist bei bestimmten CVD wie der HFrEF ein wesentlicher Bestandteil.6 Dennoch besteht bei Lungenerkrankungen häufig Unsicherheit bei der Behandlung mit dieser Substanzklasse. Befürchtet werden eine durch Beta-Blocker ausgelöste Bronchokonstriktion sowie eine abgeschwächte Wirkung von β2-Agonisten (z. B. Salbutamol, Formoterol) bzw. eine allgemeine Verschlechterung der Lungenfunktion.6,7,10,11 Dies führt nachweislich zu einer Unterversorgung von COPD-Patienten, obwohl die aktuellen Leitlinien den Einsatz selektiver Beta-Blocker bei dieser Patientengruppe befürworten.5,6,9,10
Zunächst ist zu beachten, dass das Risiko einer Bronchokonstriktion stark von der Selektivität des Beta-Blockers abhängt und vorwiegend mit nicht-kardioselektiven Beta-Blockern assoziiert wird. Kardioselektive Wirkstoffe, wie Metoprolol oder Bisoprolol, weisen eine 20-fach höhere Affinität zu β1-Rezeptoren im Herzen als zu den β2-Rezeptoren in der Bronchialmuskulatur auf. Dies führt zu einem reduzierten Risiko für respiratorische Nebenwirkungen.1,7,10
Insgesamt deuten Studienergebnisse darauf hin, dass COPD-Patienten eine Therapie mit selektiven Beta-Blockern gut tolerieren und Patienten mit HFrEF vor allem von einer verbesserten Überlebensrate profitieren, trotz der möglichen Assoziation mit einer Bronchokonstriktion.6,7,10,14 Zwei Cochrane-Reviews von Salpeter et al. legen nahe, dass kardioselektive Beta-Blocker (als Einmal-Dosis oder auch Langzeittherapie) keine nachteiligen Auswirkungen auf die respiratorische Symptomatik, die FEV1 oder auf das Ansprechen auf β2-Agonisten verglichen mit Placebo haben. Aufgrund der geringen Patientenzahlen (n = 185 bzw. 141 für Dauerbehandlung) ist jedoch die Aussagesicherheit als begrenzt anzusehen.6-8,14
In den aktuellen Leitlinien zu COPD und chronischer Herzinsuffizienz wird deutlich dargestellt: CVD sollten unabhängig von der COPD-Diagnose nach den jeweils etablierten Leitlinien behandelt werden. Dies schließt, bei klarer kardiovaskulärer Indikation, auch den Einsatz selektiver Beta-Blocker ein.5 Dennoch soll die Therapie, insbesondere bei Patienten mit schwergradiger COPD und einem erhöhten Risiko für schwere Exazerbationen, mit Vorsicht durchgeführt werden (Beginn mit niedriger Dosis, langsame Dosissteigerung, Monitoring).5,6,8,11
Der Einsatz von Beta-Blockern zur ausschließlichen Exazerbationsprophylaxe bei COPD-Patienten ohne kardiovaskuläre Indikation ist jedoch nicht evidenzbasiert und wird dementsprechend im aktuellen GOLD-Report ausdrücklich nicht empfohlen.5,12,16 Aussagekräftige Studiendaten zur Sicherheit bei Patienten mit Exazerbationen fehlen aktuell.10
Was ist zu tun?
Die Therapie mit dem selektiven Beta-Blocker Metoprolol ist leitliniengerecht und auch hier bei Herrn Hoffmann indiziert.5,6 Zunächst sollte der Patient umfassend über den Mehrwert der Therapie informiert werden, um seine Unsicherheiten abzubauen. Eine klare Kommunikation und wiederholte Schulung über Therapieziele, die Wirkungsweise des Arzneimittels und mögliche Konsequenzen bei eigenmächtigem Absetzen sind für die Adhärenz essenziell.6,13 Sie erkundigen sich zudem bei Herrn Hoffmann, ob er in den ersten Wochen der Beta-Blocker Therapie respiratorische Symptome bemerkt hat. Da er dies verneint und die Medikation nur aufgrund der Gebrauchsinformation abgesetzt hat, sollte die Therapie wieder aufgenommen werden. Der bekannte Grundsatz „start low, go slow“ gilt auch für eine Beta-Blocker Therapie bei COPD-Patienten.11 Deshalb sollte bei Herrn Hoffmann die Therapie zunächst wieder mit Metoprolol 23,75 mg (1/2-0-0) in der ersten Woche begonnen werden, in Verbindung mit einem engmaschigen Monitoring auf Symptome einer Atemwegsobstruktion wie z. B. Atemnot oder Kurzatmigkeit.1,11 Ein aktives Einbeziehen des Patienten in die Symptomüberwachung, z. B. durch ein Patiententagebuch, kann dessen Sicherheitsgefühl zusätzlich stärken.13
Fazit
COPD stellt prinzipiell keine absolute Kontraindikation für den Einsatz von kardioselektiven Beta-Blockern dar, wenn eine klare kardiovaskuläre Indikation (z. B. Z. n. Myokardinfarkt oder HFrEF) vorliegt, dennoch soll der Einsatz mit Vorsicht und unter Überwachung der Patienten erfolgen. Der Fokus sollte auf der leitliniengerechten Behandlung sowohl der kardiovaskulären als auch der COPD-Erkrankung liegen, um eine Unterversorgung zu vermeiden. Bei Herrn Hoffmann spricht die klare Indikation für die Fortführung der Metoprolol-Therapie. Entscheidend bleiben eine engmaschige klinische Überwachung und gute Patientenaufklärung, um Unsicherheiten frühzeitig auszuräumen und die Adhärenz zu fördern.
Quellen
[1] Fachinformation Metoprololsuccinat dura 23,75 mg RET; Viatris Healthcare; Juni 2022
[2] Gebrauchsinformation Metoprololsuccinat dura 23,75 mg RET; Viatris Healthcare; Juni 2022
[3] Müllerova H, et al. Cardiovascular comorbidity in COPD: systematic literature review. Chest. 2013 Oct;144(4):1163-1178
[4] Alter P, et al. Prevalence of cardiac comorbidities, and their underdetection and contribution to exertional symptoms in COPD: results from the COSYCONET cohort. Int J Chron Obstruct Pulmon Dis. 2019 Sep 20;14:2163-2172
[5] Global Strategy for the Diagnosis, Management, and Prevention of Chronic Obstructive Pulmonary Disease Report; Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (“GOLD”); 2024
[6] Nationale Versorgungs Leitline Chronische Herzinsuffizienz; Version 4.0; AWMF-Register-Nr.: nvl-006; 2023
[7] Salpeter S, et al. Cardioselective beta-blockers for chronic obstructive pulmonary disease. Cochrane Database Syst Rev. 2005 Oct 19;2005(4):CD003566
[8] Nationale Versorgungs Leitlinie COPD; 2. Auflage Version 1; AWMF-Register-Nr.: nvl-003; 2021
[9] Lipworth B, et al. Underuse of β-blockers in heart failure and chronic obstructive pulmonary disease. Heart 2016 Dec 1;102:1909-1914
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[11] ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure; European Society of Cardiology; 2021
[12] Dransfield MT, et al. Metoprolol for the Prevention of Acute Exacerbations of COPD. N Engl J Med. 2019 Dec 12;381(24):2304-2314
[13] Veröffentlichung Der Arzneimittelbrief; Zehn Vorschläge zur Verbesserung der Adhärenz in der Arzneimitteltherapie; Jg. 48, S. 40DB01; Ausgabe 05 / 2014
[14] Salpeter S, et al. Cardioselective beta-blockers for reversible airway disease. Cochrane Database Syst Rev. 2002;(4):CD00299
[15] Produktinformation (EMA) Duaklir Genuair; Zentiva Pharma; Januar 2023
[16] Devereux G, et al. Bisoprolol for patients with chronic obstructive pulmonary disease at high risk of exacerbation: the BICS RCT. Health Technol Assess. 2025 May;29(17):1-97.