Mit Nogapendekin alfa inbakicept kommt ein neuer Interleukin‑15‑Rezeptoragonist zur intravesikalen Anwendung auf den Markt.
Jährlich erkranken ca. 31.000 Menschen in Deutschland an bösartigen Tumoren der Harnblase. Davon handelt es sich bei 75 von 100 Betroffenen um nicht-muskelinvasive Harnblasenkarzinome (NMIBC), bei welchen die Krebszellen in der Blase nur oberflächlich wachsen und der Tumor auf die Schleimhaut begrenzt bleibt. Bei überwiegend oberflächlicher Ausprägung bestehen gute Heilungschancen. Dennoch kann die Erkrankung trotz Therapie im Verlauf fortschreiten und in ein muskelinvasives Harnblasenkarzinom übergehen, was die Prognose deutlich verschlechtert. Die Standardbehandlung des NMIBC ist eine transurethrale Resektion von Blasengewebe ("TUR-B"), bei welcher der Tumor im Rahmen einer Blasenspiegelung mit einer Elektroschlinge durch die Harnröhre hindurch entfernt wird. Zusätzlich wird eine Instillation mit Bacillus Calmette-Guérin (BCG) oder eine örtliche Behandlung mit einer Chemotherapie empfohlen. Bei etwa 50-70% der Betroffenen tritt der Blasenkrebs trotz zunächst erfolgreicher Behandlung erneut auf oder spricht von Beginn an nicht ausreichend auf die Therapie an.
Zur Behandlung des BCG-unresponsiven NMIBC wurde nun das biologische Arzneimittel Anktiva® zugelassen. Es richtet sich an erwachsene NMIBC-Patienten mit Carcinoma in situ (CIS) mit oder ohne papilläre Tumoren und ist zur intravesikalen Anwendung in Kombination mit BCG bestimmt. Anktiva® enthält den Interleukin(IL)-15-Rezeptoragonisten Nogapendekin alfa inbakicept, bestehend aus einem Komplex aus zwei Nogapendekin alfa Molekülen, die an inbakicept gebunden sind, hergestellt mittels rekombinanter Technologie in einer CHO K1 (Ovarien des chinesischen Hamsters) Zelllinie. Durch Bindung des Wirkstoffs an IL-15-Rezeptoren auf bestimmten Immunzellen (NK-, CD4+-, CD8+- und T-Gedächtniszellen) werden diese aktiviert und eine verstärkte gezielte antitumorale Immunantwort ausgelöst.
Die klinische Wirksamkeit von Anktiva® wurde in der offenen, einarmigen, multizentrischen Phase II/III Studie QUILT-3.032 untersucht, an der 100 Erwachsene mit BCG-unresponsivem NMIBC teilnahmen. Über einen Zeitraum von sechs Wochen erhielten alle Patienten einmal wöchentlich Anktiva® intravesikal in Kombination mit BCG. Die Studie verglich dabei Anktiva® weder mit einer anderen Therapie noch mit einer Placebobehandlung. Primärer Endpunkt war die Rate des vollständigen Ansprechens (complete response, CR) zu einem beliebigen Zeitpunkt und die Dauer des CR. Drei Monate nach Beginn der Behandlung erreichten 71% der Patienten (95 % KI 61–80) ein CR, und dieses Ansprechen hielt im Durchschnitt 26,6 Monate (95% KI 13,0–49,9) an. Von den Respondern hatten nach 12 Monaten 66% (47/71) und nach 24 Monaten 42% (30/71) weiterhin ein CR.
Das Sicherheitsprofil wird wesentlich durch lokale urogenitale Nebenwirkungen geprägt, die nur teilweise eindeutig Anktiva® zuzuordnen sind, da sie auch einer Begleitmedikation und der Grunderkrankung geschuldet sein können. Sehr häufig treten Hämaturie, Dysurie, Pollakisurie, Harndrang, Harnwegsinfektionen, Schmerzen im Muskel- und Skelettsystem, Ermüdung, Fieber und Schüttelfrost auf. Angesichts des immunaktivierenden Mechanismus können trotz vernachlässigbarer systemischer Exposition auch immunbedingte Toxizitäten prinzipiell nicht ausgeschlossen werden.
Anktiva® wird in der Schwangerschaft nicht empfohlen, da in murinen Modellen embryo-fetale Verluste begünstigt wurden. Frauen im gebärfähigen Alter sollen daher während der Therapie und bis zu einer Woche danach zuverlässig verhüten. Die Anwendung in der Stillzeit dagegen ist möglich.
Die empfohlene Dosis beträgt 400 µg Nogapendekin alfa inbakicept, intravesikal als Mischung mit BCG in einem Gesamtvolumen von 50 ml. In der Induktionstherapie erfolgt die Instillation einmal wöchentlich über sechs Wochen. Sind noch Überreste des CIS mit oder ohne hochgradiger Ta-Erkrankung bei der Beurteilung nach 12 Wochen vorhanden, kann ein zweiter Induktionszyklus über weitere sechs Wochen erwogen werden. Die Erhaltungstherapie umfasst Instillationen in Monat 4, 7, 10, 13 und 19, jeweils einmal wöchentlich über drei Wochen. Die maximale Behandlungsdauer beträgt 37 Monate oder endet früher bei nachgewiesener persistierender Erkrankung nach Induktion, Rezidiv, Progression oder nicht tolerierbarer Toxizität.
Aufgrund der Studien-Ergebnisse von QUILT-3.032 und des erheblichen medizinischen Bedarfs einer Behandlungsoption für NMIBC-Patienten, die nicht auf BCG ansprechen und sich keiner Operation unterziehen können, wurde Anktiva® von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) unter „Besonderen Bedingungen“ zugelassen. Daher sind trotz vorerst positiver Bewertung des Nutzen Risiko Profils noch weitere Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten zu erbringen. Relevant sind hier die laufende randomisierte Phase-IIb-Studie QUILT-2.005 (BCG + Nogapendekin alfa inbakicept versus BCG-Monotherapie bei BCG-naivem NMIBC; Ergebnisse fällig bis 30.06.2027) sowie die endgültigen 5-Jahres-Follow-up-Daten aus QUILT-3.032 (fällig bis 31.12.2029).
Quellen:
[1] Produktinformation (EMA) Anktiva®; ImmunityBio Ireland; 12. Juni 2026
[2] EPAR Anktiva® (Medicine overview - EMA); ImmunityBio Ireland; 13. März 2026
[3] Veröffentlichung Website krebsinformationsdienst.de/blasenkrebs: Blasenkrebs (Harnblasenkarzinom) (zugegriffen am 11.09.2026)