Mit Fosphenytoin ist jetzt ein neues Arzneimittel zur Kontrolle des Status epilepticus verfügbar
Im neurologischen Notfallbereich besteht – wir berichteten in der Ausgabe ifap Arzneimittelnews 15.04.2026 – seit Oktober 2025 ein Lieferengpass für Phenhydan (Phenytoin i.v.), der voraussichtlich erst im Juli 2026 behoben sein wird. Phenytoin i.v. ist ein zentraler Bestandteil der Therapie des Status epilepticus und der perioperativen Anfallsprophylaxe. Vor diesem Hintergrund wurde Fosphenytoin in der S2k‑Leitlinie „Status epilepticus im Erwachsenenalter“ bereits als pharmakologisch nahe und beim benzodiazepinrefraktären Status epilepticus bevorzugte Alternative benannt.
Ab Mitte Mai dieses Jahres ist Fosphenytoin Desitin 75 mg/ml Injektions‑/Infusionslösung auf dem deutschen Arzneimittelmarkt verfügbar.
Fosphenytoin Desitin ist ein parenteral anzuwendendes Prodrug von Phenytoin zur Akuttherapie bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab fünf Jahren. Zugelassen ist es zur Kontrolle des konvulsiven Status epilepticus sowie zur Prophylaxe von Krampfanfällen im Zusammenhang mit neurochirurgischen Eingriffen. Nach intravenöser oder intramuskulärer Gabe wird Fosphenytoin rasch und vollständig vermutlich durch Phosphatasen in Phenytoin, Phosphat und Formiat umgewandelt. Die antikonvulsive Wirkung beruht – wie bei Phenytoin – auf der spannungs- und frequenzabhängigen Blockade neuronaler Natriumkanäle mit Hemmung pathologisch repetitiver Entladungen und zusätzlicher Modulation von Kalziumströmen. Fosphenytoin selbst ist im Wesentlichen pharmakologisch inaktiv; die klinische Wirkung korreliert mit Phenytoin‑Plasmaspiegeln im therapeutischen Bereich.
Die intramuskuläre Gabe wird bei Kindern nicht empfohlen und ist beim Status epilepticus generell nicht geeignet. Fosphenytoin Desitin ist nur für eine kurzfristige parenterale Anwendung vorgesehen; systemische Behandlungszeiträume von mehr als fünf Tagen sind nicht untersucht. Bei älteren Patienten sowie bei Nieren‑ oder Leberfunktionsstörung oder Hypoalbuminämie können reduzierte Dosen und Infusionsraten (um etwa 10–25%) in Erwägung gezogen werden und ungebundene Phenytoinspiegel sollen überwacht werden.
Kontraindiziert ist das Präparat bei Überempfindlichkeit gegen Fosphenytoin, Phenytoin, andere Hydantoine sowie bei vorbestehenden höhergradigen kardialen Erregungsleitungsstörungen, d. h. Sinusbradykardie, sinoatrialem Block, AV‑Block II. oder III. Grades und bei Adams‑Stokes‑Anfällen. Ebenfalls kontraindiziert ist die Anwendung bei akuter intermittierender Porphyrie sowie die gleichzeitige Gabe von Delavirdin, da hier das Risiko eines virologischen Therapieversagens und der Entwicklung einer Resistenz besteht.
Klinisch stehen bei der intravenösen Anwendung von Fosphenytoin Desitin schwerwiegende kardiovaskuläre und zentrale Nebenwirkungen im Vordergrund. Die wichtigsten unerwünschten Wirkungen sind ein kardiovaskulärer Kollaps und/oder eine ausgeprägte Depression des zentralen Nervensystems; insbesondere kann es bei zu schneller intravenöser Applikation zu einer ausgeprägten Hypotonie kommen. In den klinischen Studien wurden als häufigste Nebenwirkungen Nystagmus, Schwindel, Kopfschmerzen, Schläfrigkeit und Ataxie beobachtet, die überwiegend dem bekannten Profil von intravenösem Phenytoin entsprechen. Von besonderer Bedeutung sind zudem schwere kutane unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Stevens‑Johnson‑Syndrom und toxische epidermale Nekrolyse, DRESS sowie akute generalisierte exanthematische Pustulose, die potenziell lebensbedrohlich verlaufen können und ein sofortiges Absetzen des Präparats bei ersten Warnzeichen (Hautausschlag, Blasenbildung, Schleimhautbeteiligung, Fieber, Lymphadenopathie) erfordern. Darüber hinaus sind schwerwiegende hämatologische (Thrombozytopenie, Leukopenie bis Agranulozytose, Panzytopenie) und hepatotoxische Reaktionen einschließlich akuter Hepatitis und Leberversagen beschrieben worden, die eine enge klinische und laborchemische Überwachung insbesondere in der Initialphase der Therapie notwendig machen.
Besondere Zurückhaltung ist zudem bei gebärfähigen Frauen und in der Schwangerschaft geboten. Phenytoin gilt als teratogen; eine intrauterine Exposition ist mit einem erhöhten Risiko für schwerwiegende kongenitale Fehlbildungen sowie mit möglichen neurokognitiven Entwicklungsstörungen assoziiert. Fosphenytoin sollte bei gebärfähigen Frauen daher nur eingesetzt werden, wenn andere Antiepileptika unwirksam oder nicht verträglich sind und ein klarer klinischer Bedarf besteht. Vor Beginn einer Therapie ist, soweit möglich, eine bestehende Schwangerschaft auszuschließen; während der Behandlung ist eine zuverlässige Kontrazeption erforderlich. Da Phenytoin bzw. Fosphenytoin die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva vermindern kann, sind zusätzliche oder alternative nicht‑hormonelle Methoden zu empfehlen. Bei Kinderwunsch sollte frühzeitig geprüft werden, ob eine Umstellung auf ein alternatives antiepileptisches Regime möglich ist. Ist eine Behandlung mit Fosphenytoin in der Schwangerschaft nach sorgfältiger Nutzen‑Risiko‑Abwägung unvermeidbar, sollte sie mit der niedrigsten wirksamen Dosis unter engmaschigem therapeutischem Drug Monitoring und in Verbindung mit einer spezialisierten pränataldiagnostischen Betreuung erfolgen.
Neben diesen grundsätzlichen Risikokonstellationen weist ein aktueller Rote‑Hand‑Brief zu Fosphenytoin Desitin auf weitere, vor allem anwendungsbedingte Sicherheitsprobleme hin, insbesondere auf Off‑Label‑Einsätze bei Kindern unter fünf Jahren und schwerwiegende Dosierungsfehler.
Quellen:
[1] Fachinformation Fosphenytoin Desitin 75 mg/ml Injektions-/Infusionslösung; Desitin; Oktober 2025.
[2] Rote-Hand-Brief Fosphenytoin Desitin 75 mg/ml Infusions-/ Injektionslösung (Fosphenytoin-Dinatrium); 04. Mai 2026: Risiko von Medikationsfehlern und Off-Label-Anwendung bei Kindern unter 5 Jahren
[3] Veröffentlichung website ifap.de: Lieferengpässe bei Holoxan, Endoxan, Phenhydan (zugegriffen am 12. Mai 2026)
[4] Veröffentlichung Desitin; 06. Oktober 2025: Lieferengpassmeldung zu Phenhydan® Injektionslösung